Deutsche Pop Zustände

Gesellschaft/Musik, Deutschland 2015

Dieser äußerst verdienstvolle und formal überzeugende Film rekonstruiert die Entwicklung rechter Popkultur seit den späten 1970er Jahren, vor allem in Deutschland. Er dekonstruiert fundiert und anschaulich Wechselwirkungen zwischen Kulturproduktion am radikalen Rand, politischen Zielen rechter Akteure und der Mehrheitsgesellschaft. "Ich denke, dass Nazi-Rock oder überhaupt die Nazi-Kultur, also die Neonazi-Kultur, sehr clever darin waren, sich Stilistiken und Inhalte anderer Kulturen, die sie bekämpfen, anzueignen," resümiert der Galerist, Autor und ehemalige Sänger einer Ost-Berliner Punk-Band, Henryk Gericke. Der 1964 in Ost-Berlin geborene Gericke stellt außerdem fest, dass die rechte Skinhead-Bewegung in den 1980er Jahren als erste Jugendkultur etwa zeitglich in Ost- und Westdeutschland Anhänger fand - während Punk noch mit Verspätung in die DDR eingesickert war. Wie die Vorbilder der Punk-Szene stammte auch der etwas später entstehende Skinhead-Trend ursprünglich aus Großbritannien. Während die Sex Pistols 1977 auf dem Album "God Save The Queen" gegen "the fascist regime" ansangen, nannte die ursprünglich ebenfalls als Punkrock-Band gegründete Band Skrewdriver ihr zweites Album 1983 programmatisch "White Power" und sammelte bei Konzerten Band Geld für das Neonazi-Netzwerk "Blood and Honour." In Deutschland wird rechte Popkultur nach dem Zusammenbruch der DDR besonders wirkmächtig. An ostdeutschen Orten, in denen ein Macht- und Autoritäts-Vakuum herrscht, können Rechtsrockgruppen ungehindert vor großen Menschenmengen spielen - so etwa die Nürnberger Band Radikahl am 30.5.1992 in Brandenburg. Vor rund 1000 Zuhörer*innen spielt sie den Titel "Hakenkreuz;" im Publikum werden Hunderte Hitlergrüße gezeigt, ohne dass staatliche Behörden einschreiten. Erst Ende 1992 wird die Band für die Verbreitung von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen angeklagt. Das Beispiel zeigt deutlich, wie sehr extrem rechte Aktivitäten schon damals keineswegs ein ostdeutsches Phänomen war, sondern ein zielstrebiges Zusammenwirken ost- und westdeutscher sowie internationaler Akteure. Das Gebiet der ehemaligen DDR bietet allerdings die Räume, von denen aus Rechtsextreme ungehinderter agieren können als anderswo. Die langfristigen Verwerfungen der De-Industrialisierung Ostdeutschlands schaffen hier außerdem besonders günstige Bedingungen für das Ausgreifen der Extremisten in die Mitte der Gesellschaft. "Gerade auch radikale Gruppen benötigen für ihren Erfolg den Resonanzboden in der Gesellschaft." So fasst der Soziologe Wilhelm Heitmeyer die Wechselwirkung zwischen Radikalen und Mehrheitsgesellschaft zusammen. Rechte Popkultur greift hurra-patriotische Stimmungen auf und bereitet mit ihren Entgrenzungen einen Nährboden für Hass und Gewalttaten, etwa gegen Menschen mit Migrationshintergrund. Während die Wurzeln der extremrechten Popkultur im Rechts-Rock liegen, fächern sich rechtextreme Popkultur-Angebote über die Zeit auf bis hin zu rechtem Folk, Singer Songwritern und Schlagern. Galionsfigur dieser Entwicklung ist der rechte Liedermacher, Aktivist und Politiker Frank Rennicke - den die Filmemacher für Deutsche Pop Zustände ebenfalls befragt haben. Teils spielen rechte Musiker mit den Grenzen des juristisch Erlaubten, teils suchen sie in scheinbar harmlosen Texten bürgerliche Schichten zu erreichen. Als Kontrapunkt zu dieser Entwicklung verweist der Film auch auf musikalische Bewegungen, die sich dem Rechtsruck entschieden entgegen stellen. Dietmar Post und Lucía Palacios erzählen diese komplexe Geschichte in einer Komposition aus Interviews und Tonbeispielen. In einem angenehm klar strukturieren Setting befragen sie langjährige Beobachter und Analysten rechtsextremer Popkultur, einen Aussteiger aus der rechten Szene - und mit Frank Rennicke auch einen der bekanntesten Akteure am rechten Rand. Was ein Wagnis ist. Einerseits konfrontieren sie ihre Gesprächspartner mit Musikvideos, andererseits lassen sie die Interviewten selbst ausgewählte Dokumente vorstellen und kommentieren. Aus dieser reduzierten Form entsteht ein Erzählfluss, der anschaulich nachzuvollziehbar macht, wie Popkultur durch die Aneignung von rechts ihren einst emanzipatorischen Charakter verloren hat. Und wie geschickt Strategen der "braune Musik-Fraktion" (Landser) ihre rassistischen und reaktionären politischen Ziele mit kulturellen Mitteln vorantreiben. Es sind eben keine Jugendsünden, wie viele Rechtsextreme glauben machen wollen - sondern eine langfristige und weit ausgreifende Mobilisierung für einen klaren politischen Zweck. Erst das Wort, dann die Tat? Ja, findet auch der Soziologe Wilhelm Heitmeyer: "Die rechtsextremen Gruppen sind ja deshalb auch für einige attraktiv, weil sie Stärke verheißen. Das heißt, die alltägliche individuelle Ohnmacht wird dann kollektiv in Macht verwandelt." In diesem Sinne könnte der Film aus dem Jahr 2016 im Jahr der richtungsweisenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern nicht aktueller sein.
81 Min.
HD
Ab 12 Jahren
Sprache:
Deutsch
Untertitel:
EnglischSpanisch

Weitere Informationen

Sonstiges:

Tobias Frindt (Co-Regie, Recherche, Jukebox)

Thorsten Hindrichs (Mitarbeit und wissenschaftliche Beratung)

Katya Mader (Redakteurin, ZDF/3sat)

Daniel Schössler (Redakteur, ZDF/3sat)

Originaltitel:

Deutsche Pop Zustände

Originalsprache:

Deutsch

Format:

16:9 HD, Farbe

Altersfreigabe:

Ab 12 Jahren

Sprache:

Deutsch

Untertitel:

EnglischSpanisch

Weiterführende Links:

IMDb

The Movie Database